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Wir nannten uns „FC Außenring“. Das hatte mit Fußball nichts zu tun. Und doch waren wir, irgendwie, eine Mannschaft. Nicht immer vollständig beisammen, im Kern aber stabil. Wir kamen aus Potsdam, Wilhelmshorst, Kleinmachnow oder Stahnsdorf und hatten alle unseren Job in Berlin, waren also gezwungen (Wer konnte sich schon die tägliche Tour mit dem Auto in die DDR-Hauptstadt leisten?), den doppelstöckigen „Sputnik“ zu benutzen. Eine mühselige Sache, die auf den geregelten Arbeitstag von knapp neun Stunden vier Stunden Schienenfahrt draufpackte. Einer arbeitete im Bau- der andere im Kulturministerium, einer war Chefredakteur der DDR-Jagdzeitschrift, ein anderer Chefredakteur von „Garten und Kleintierzucht“. Einer erforschte die sozialistische Ökonomie, ein anderer repräsentierte die INTERFLUG im Ausland. Hans-Georg war der Mann aus dem Akademie Verlag, Ingo der Redakteur der „Neuen Berliner Illustrierten“, ich, nach dem Journalistikstudium in Leipzig, seit 1974 Redakteur der TV-Zeitschrift FF DABEI. Wir trafen uns im letzen Wagen, unten. Einer hatte immer was in der Tasche – Berliner Pils oder Nordhäuser Korn. Alle hatten was zu erzählen, meist kleine Frust-Geschichten. Das war unterhaltsam und tröstete. Auch über die elend lange Fahrerei außenherum.

Ab und an gab es Höhepunkte. „Wisst Ihr übrigens, dass die Schwedische Staatsbahn zu Weihnachten kostenlos Apfelsinen an den Bahnsteigen verteilt?“ Das erzählte ganz locker unser INTERFLUG-Mann, der, wegen der Auslandsverpflichtungen, nicht immer mit uns sein konnte. Irgendwann war er besonders gut drauf, lernte während der Fahrt eifrig Französisch und überraschte auf der Morgentour mit Rotwein und Käse. Er sei auserkoren, die DDR-Fluggesellschaft demnächst in Frankreich zu vertreten. Irgendwie war dann aber von Rumänien die Rede, wir verloren unseren Freund aus den Augen.

Ich konnte vom Schlagerfestival in Sopot berichten, von Boney M. zum Beispiel oder vom Auftritt Gary Brookers. Oder von der urigen Stimmung bei den Jam Sessions des Dresdner Dixieland-Festivals. Oder ich erzählte, wie unser Sohn auf einem ungarischen Campingplatz glaubte, einen Intershop entdeckt zu haben, der sich dann als ganz normaler Kiosk entpuppte.

Wir lachten viel, hinten, im letzten Wagen. Wir waren privilegiert, weil wir jeden Tag am Alexanderplatz Berliner Pils, Filinchen, Eberswalder Würstchen oder H-Milch kaufen konnten ohne Urlaub nehmen zu müssen. Wir meckerten viel, was ohne negative Folgen blieb. Und freuten uns über staatliche Ehrungen, die, wegen der damit verbundenen Geldprämie, positive Auswirkungen auf die Gemütlichkeit beim „FC Außenring“ hatten. So ging alles seinen sozialistischen Gang. Die Reisekader reisten, die Nichtreisekader reisten auch weiterhin nicht. Auch nicht bei der Frauen-Illustrierten FÜR DICH, wo ich die Chance bekommen hatte, bis zur Eliminierung durch Gruner und Jahr 1991 als Bildreporter zu arbeiten. Letzte FÜR DICH-Reportagen, sechs Seiten, zehn Seiten. Besuch bei Wolfgang Mattheuer, Apfelsinen auf dem Markplatz von Meißen, quälender Tod der Textilfabriken in Ebersbach. Nicht mehr meine DDR. (Ulrich Joho)

Downloads zur Fotoserie:
Ulrich Joho: Meine DDR. Erinnerungen 1970 bis 1990 ("Text zur Ausstellung") (1232 Downloads) Ulrich Joho: Meine DDR. Erinnerungen 1970 bis 1990 ("Keine Schwarz-Weiß-Malerei") (1253 Downloads) Ulrich Joho: Meine DDR. Erinnerungen 1970 bis 1990 ("Berliner Zeitung") (1490 Downloads) Ulrich Joho: Meine DDR. Erinnerungen 1970 bis 1990 ("Eröffnungsworte") (1304 Downloads) Ulrich Joho: Meine DDR. Erinnerungen 1970 bis 1990 ("Keine Schwarz-Weiß-Malerei") (1253 Downloads)

Die Fotoserien zum Video und zu den Texten findet ihr hier:
https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Ulrich-Joho/meine-ddr/