Mein Besuch im Photokina-Zirkus

Mein Besuch im Photokina-Zirkus

Ich habe es wider besseres Wissen getan: die Kölner Photokina besucht, um mal so zu schauen, womit man sein Bankkonto leeren kann. Im Grunde habe ich es nur getan, weil mir zwei Eintrittskarten spendiert wurden. Begrüßt wurde ich mit einer Anhäufung von Zirkusarenen (besonders bei den großen Herstellern)

Zirkus 1 (Eingang Nikon)

Bereits am Eingang erfreute Nikon die Besucher mit einem lustigen Wasserfallbild, das jeder von sich machen lassen konnte und das dann in Übergröße auf eine gigantische Leinwand über dem Eingang projiziert wurde. Gestellte Inspiration pur.

Zirkus 2 (Eingang Canon)

Im Eingang das riesenhafte Bild eines Kämpfers, der gerade seinen Sieg feiert. Sieger, Schönheiten und Idealkörper gehören mit zum Illusionsspektrum der Fotoindustrie.

Zirkus 3 (Canon)

Auf dem Canon Stand erwarteten eine hübsche Damen mit roten Perücken; wie überhaupt die hübschen schlanken Damen exzessiv im Einsatz waren, um dicke, schwitzende kamerabehangene Fotografen zu ergötzen. Des weiteren wurden Unmengen übergroßer Objektive in freier Wildbahn und in Glaskäfigen präsentiert.

Zirkus 4 (Samsung ?)

Samsung (oder war es Sony?) spendierte akrobatische Seiltanz-Einlagen von Damen in knackigen Hotpants zu ohrenbetäubender Musik und wenn die Damen dann auch noch auf dem Seil Spagat machten, hagelte es wild zitternde Auslösegeräusche – die Ersatzhandlungen der Hobbyfotografen. Sex sells…

Zirkus 5

Muskelbepackte – und (wie das Clichee will) zu allem Überfluss auch noch dunkelhäutige –  Männer mit schwitztendem nacktem Tarzan-Oberkörper schlugen Räder oder machten Saltos; offenbar sollte hier das weibliche Fotografinnenpublikum zufriedengestellt werden, wenn auch wieder mal die knipsenden und filmenden Männer in der Überzahl waren. Sex sells…

Zirkus 6 (Leica)

Ein bißchen gesitteter ging es im Leica-Zirkus her: Leica hatte sich eine Halle in der Größe von Canon oder Samsung reserviert; die Halle war jedoch eher leer; 5 Meter hohe, riesige weiße Buchstaben, die man erst zu spät als solche erkannte, markierten die unterschiedlichen Leica Modelle (M, S, T, X etc.). Die ‚größte‘ Sensation war für mich eigentlich die bleischwere Edelstahl Anniversary LEICA M EDITION 60 für 15.000 EUR. Besonderes Merkmal dieser digitalen Kamera: Sie hat kein Display. Man soll sich damit ganz analog fühlen. Tut man auch. Und dazu denkt man ständig, wo man denn in diese Kamera bloß den Film einlegen soll. Ja – ich habe sie in der Hand gehabt; der „Leica-Verkäufer“ gab sie mir nur ungerne, denn ich war leicht als sicherer ‚Nicht-Käufer‘ zu identifizieren. Es ist ein bleischweres Teil ohne Trageösen –  ästhetisch JA – ergonomisch NEIN. Der Sucher konnte mich überhaupt nicht begeistern. Hier gilt: Dysfunktionale Ästhetik und ausgefallener Materialmix (Edelstahl und Leder) sells… Ein Gerät für die spotbeleuchtete Vitrine, nichts für die normale Street. Die absurde Verkehrung des ursprünglichen Zwecks einer Leica: Unauffällige, handliche Streetkamera versus auffällige, unhandliche Vitrinenkamera. Zum Thema Leica und die Qualität empfehle ich die Beiträge von Digilloyd (Thema Lockup und Thema Freeze)

Zirkus 7 (Nikon)

Bei Nikon blieb mir nur der Aufbau mehrerer D810 auf schweren Stativen in Erinnerung, mit denen man eine nikongelbe Tabletop-Welt abfotografieren konnte.

Zirkus 8 (allüberall Modelshootings)

So als ob die fotografierende Männerwelt nichts anderes zu tun habe, als weibliche Schönheiten beleuchtet von Kunstlicht abzufotografieren, an jeder Ecke fand man solche ‚Photokurse‘ für verhinderte David Bailey’s. Sex sells…

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Zeiss und Sigma

Nützlich und für mich interessant: bei Zeiss und Sigma, den beiden Herstellern, die im High-Quality-Objektivbereich einige Innovationen bereithalten, konnte man die Objektivpalette ausprobieren:

Hier 2 Porträts mit dem Zeiss Otus 85mm f/1.4 :

Und hier 2 Fotos mit dem Sigma 50mm f/1.4 ART bei Offenblende:

Auch Qualität war vertreten

Beim dpunkt.verlag konnte man bei  anspruchsvoller Fotolektüre etwas zur Ruhe kommen:

Und an manchen Orten fand man auch kleine Ausstellungen:

Mein Fazit:

Trotz einiger interessanter Stände überwogen für mein Empfinden doch eher  Hektik, Show und gestellte Fotografie.

Man bekommt den Eindruck, dass die Fotoindustrie uns als Fotografen am liebsten so sähe:

Unbeweglich und dick, behängt mit teurem Equipment an teuren ‚Strapsen‘ und zugleich auf der Suche nach immer neuem Equipment und einer blitzbeleuchteten Scheinrealität aus gestellten Tabletops oder gestylten Models, gefakten Backgrounds oder virtuellen Welten, die vom Eigentlichen ablenken.

Nach dem Motto: Nur nicht die Realität selbst knipsen, sondern immer nur ein gestelltes Scheinbild der Welt, das pseudoästhetischen Vorgaben der Mode- und Werbefotografie entspricht…

Der Fotograf und seine ‚Strapse‘:

Skyline im roten Abendsonnenlicht: Gehts noch geschmackloser?

Kasperle-Theater-Inspiration a la Nikon:

Alle Fotos habe ich mit meiner lieben kleinen Ricoh GR geschossen.

2018-09-03T12:18:24+00:00Von |

3 Comments

  1. Yvonne Steiger 30. September 2014 um 14:13 Uhr

    Hahaaaaa….Lieber Ralf,
    sehr amüsant und treffend geschrieben und bebildert Dein Artikel. Wunderbar das „straps“ Photo der dicken Kameraträger, sweaty sexappeal. Genauso stelle ich mir die Photokina vor.

  2. Reinhard Witt 9. Oktober 2014 um 14:52 Uhr

    Jo… und wieder ein Beweis WARUM ich mich seit über 20 Jahren gegen diesen kommerziellen Mist wehre… sehr gut ge- und beschrieben.

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