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(C) Lu Guang: Pollution in China

 

Angesichts der globalen Naturzerstörung frage ich mich, welche Berechtigung die Fotos einer „heilen“ Naturwelt haben. Ansel Adams ist einer der wichtigsten Vertreter der menschenleeren Natur mit perfekten Graustufen. Wie sieht die Wirklichkeit US-amerikanischer Naturparks aus? Wohin bringt uns die ästhetische Weltflucht?

Es gibt die „perfekte Natur-Welt“ von Ansel Adams nicht wirklich, trotzdem sind wir von den Fotos fasziniert.

Pointiert: Was gibt uns das Recht, Landschaften, Pflanzen und Tiere in einem ‚idealisierten Natur-Ambiente‘ zu fotografieren, während faktisch eine Naturkatastrophe die andere jagt und große Konzerne durch Raubbau an den Wäldern, der Antarktis, dem Klima die Lebensgrundlagen für fast ALLE zerstören? Sind Landschaftsfotografen wie Schmetterlingssammler, die ihre Naturmotive in Ausstellungen hinter Glas aufspießen ohne wirkliches Verständnis vom tatsächlichen LEBEN?

Ist Realitätsflucht ein wichtiges Charakteristikum eines großen Teils der Landschafts- und Naturfotografie oder hilft die ästhetische ‚Verarbeitung‘ beim Kampf um den Erhalt der Natur?

Ein Charakteristikum der „Ansel-Adams-Technik“ ist die Schönheit  und Ausgewogenheit der perfekten Graustufen in einer statischen Welt. Bei vielen moderneren S/W-Fotografen können wir derzeit tendenziell eine Abwendung von diesem Ideal feststellen: Harmonische Graustufen werden nicht nur von Reportagefotografen wie Andy Spyra oder Paolo Pellegrin mit ihrer starken subjektiven Weltsicht bewußt vermieden: Starke Kontraste (OHNE ausgleichende Graustufenpalette) werden auch von manchen Landschaftsfotografen als moderner, zeitgemäßer empfunden.

Provokativ formuliert: Ansel Adams wollte eine nicht vorhandene Natur-Harmonie in einer unharmonischen Welt vorgaukeln – ein Mittel dazu waren die perfekten Graustufen und die gehäufte Auswahl statischer Motive (Felsen…). Zeitgemäßes Fotografieren von Landschaften wendet sich davon ab und hat den Mut zu starken Kontrasten ohne ausgleichende Graustufen und einer wesentlich höheren Bilddynamik.

Ich persönlich bin von beiden fotografischen Richtungen fasziniert: Ich bin Graustufenfetischist und liebe diese Bilder mit ihrem Reichtum an Grauwerten und ihrer Brillianz. Gleichzeitig bin ich Realist und glaube, dass die ästhetische Illusion statischer Landschaftsmotive kein wirkungsvolles Mittel darstellt, um dabei zu helfen, die Schönheit dieser Landschaften tatsächlich zu bewahren; insofern haben Bilder mit einer extrem ‚kontrastreichen‘ wenn auch stark subjektiven Sicht der Dinge (Beispiel: Paolo Pellegrins Reportagen) für mich einen höheren ‚Wahrheitsgehalt‘, da sie eine unperfekte, ungerechte und grausame Welt besser ‚abbilden‘ als die ästhetischte Illusion eines perfekten Ansel Adams Abzugs.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang das Langzeitprojekt  ‚Genesis‚  (2004-2012) von Sebastião Salgado: www.amazonasimages.com/grands-travaux

„Genesis is a long-term photographic project, in line with the main bodies of work carried out previously by Sebastião Salgado; for example, the series of reportages presented in Workers or the series on the theme of the population movements around the world, that appeared in Migrations. This new project is about our planet earth, nature and its beauty, and what remains of it today despite the manifold destruction caused by human activity. Genesis is an attempt to portray the beauty and the majesty of regions that are still in a pristine condition, areas where landscapes and wildlife are still unspoiled, places where human communities continue to live according to their ancient culture and traditions.

Genesis is about seeing and marvelling, about understanding the necessity for the protection of all this; and finally it is about inspiring action for this preservation. The shooting of this series of photographic reportages began in 2004 and is due for completion in 2012. Like other work of Sebastião Salgado, the Genesis reportages have been, and continue to be, published in, among others, France’s Paris Match, the USA’s Rolling Stone, Spain’s La Vanguardia, Portugal’s Visão, the United Kingdom’s The Guardian and in Italy’s La Repubblica.“

Eine Analyse der Bilder dieser Serie führt uns vielleicht weiter… Die Verschmelzung von hochwertiger S/W-Landschafts- und Reportagefotografie unter stärkerer Einbeziehung des Mikrokosmos von Menschen, Pflanzen und Tieren stellt vielleicht einen bildkünstlerische Ausweg aus dem oben skizzierten ‚Wahrheits-Dilemma‘ dar. Während die Bilder von Ansel Adams sich weitgehend konzentrieren auf den ‚majestätischen‘ Aspekt der von Menschen scheinbar ‚unberührten‘ Natur (große Landschaften, Felsen, Gebirgszüge, Flussläufe, riesige Bäume, Wurzeln etc.), ist der Anteil an Menschen und Tieren im Naturzusammenhang in Sebastião Salgados Serien wesentlich höher; des weiteren fällt beim Vergleich der großen Landschaftspanoramen auf, dass Salgados Bilder eine viel stärkere Dynamik und höhere Kontraste aufweisen als die von Adams. Ansel Adams bevorzugt eindeutig statische Motive wie z.B. Fels- und Steinformationen. Bei Salgado finden wir dagegen oft eine große Dynamik durch Tiermassen (Pinguine, Möwen), einzelne Tiere (z.B. Wale) oder eine dynamischere bildkünstlerische Anordnung der Naturelemente.

Video-Links zum Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=0attEvhzOkg

Fotografen-Links zum Thema:

https://www.anseladams.com

https://photo.net/photos/nanasousadias

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Tom-Wolters/

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Rolf-Rock/

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Juergen-Huefner/rhoen-landschaft/

Kommentar von Klaus Baum:
„Seurat, der Pointillist, hat als einer der ersten – vorsichtig formuliert – die industrielle Realität in seine Malerei aufgenommen. Nicht minder aber Turner (Rain, Steam, Speed) oder Monet (Bahnhof St. Lazare in Paris). Hier das berühmte Bild von Seurat, dem ich jedesmal, wenn ich in England war, einen Besuch abgestattet habe. Es hängt in der National Gallery in London.

Click to enlarge. Die Details im Hintergrund werden so deutlich sichtbar.“

Hier ein altes Foto von mir, das Kasseler Freibad am Auedamm und an der Fulda. Im Hintergrund Fabrikschornsteine. Von Kunst oder Kunstgeschichte hatte ich in der 1. Hälfte der 60er Jahre noch keine Ahnung. Die Ähnlichkeit zum Motiv von Seurat ist also rein zufällig.

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Klaus-Baum/kassel-sechziger-jahre/auebad-an-der-fulda.html