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Bild von Frank Melech aus der Serie: Tierisches

© Bild von Frank Melech aus der Serie: 'Tierisches'

Moderne Digitalkameras könnten die perfekten Dokumentationsinstrumente unserer Realität und unseres Alltagslebens werden.

Warum aber beschäftigen sich viele selbst anspruchsvollere ‚Digitalfotografen‘ lieber mit fiktiven ’süßen Kindern‘, Blümchen, Kirchenfenstern und glänzenden Bankpalästen, geschönten Naturlandschaften, ‚Model-Shootings‘, Sportwagen, Pandabären und durch 20 Megapixel-Kameras aufgewertete ausdrucksarme Heuschrecken?

Oder noch anders gefragt: „Die Welt der Insekten ist eine scheußliche und schreckliche Welt, beherrscht von einem ungeheuren mechanischen Wahnsinn“ (John Cowper Powys) – Warum sind die Leute aber trotzdem von geschönten Insektenbildern so fasziniert?

Bild von Frank Melech aus der Serie: Tierisches

© Bild von Frank Melech aus der Serie: 'Tierisches'

Also mit der Abbildung von Bereichen, die fast nichts mit ihrer eigenen Wirklichkeit zu tun haben und schon sattsam in zahllosen Hochglanzmagazinen digital durchgenudelt wurden.

Meine Antwort darauf ist: Fotografieren wird vielfach als eine entspannende Flucht vor der ‚rauhen Wirklichkeit‘ genutzt. Auf was greifen Fotografen dann aber zurück, um sich entspannen zu können inmitten einer von Arbeitslosenheeren, Umweltkatastrophen, Wirtschaftskrisen und Kriegen gepeinigten Welt?

Auf Bild-Klischees natürlich, die ihnen von Printmedien und TV, Galerie-Votings auf Fotocommunities etc. als ’schön‘, ‚begehrenswert‘, ‚ästhetisch‘ eingeredet werden.

Auf der Strecke dabei bleibt die eigene Wirklichkeit. Diese will man im Grunde auch gar nicht mehr sehen und abbilden, weil sie so undramatisch und ‚gewöhnlich‘ ist. Alles läuft eher auf den Wunsch einer perfekten Inszenierung von Foto-Lügen hinaus. DRI (Dynamic Range Increase), Tone Mapping, HDR und noch andere Photoshop-Bildbearbeitungstechniken helfen vorzüglich dabei, sich aus der Realität herauszustehlen und mit den Bildergebnissen virtuelle Streicheleinheiten in Fotocommunities einzusammeln …

Fotos vom eigenen Arbeitsleben?
NJET – da schieben die Arbeitgeber auch einen dicken Riegel vor.

Fotos vom eigenen Alltag des Einkaufens, Konsumierens, Essens, Fernsehens und Lebens?
NJET – die ‚kleinen Leute‘ bekommen von den Medien eingebläut, dass ihr eigenes Leben uninteressant sei; was in der Öffentlichkeit zähle, sei nur das Leben der Prominenz (Hollywood-Stars, ‚Comedians‘, Sportskanonen, Gottschalks und Jauchs, Superreiche, Supernannis, Superstars, Superpolitiker etc.)   Über diese wird exzessiv berichtet. Extrem wenige Priviligierte erhalten alle Öffentlichkeit der Welt. Allenfalls bekommen wir noch von A-bis-Z gefakte ‚Reality-Shows‘ zu sehen, in denen die ‚kleinen Leute‘ von den Medien wie im Zoo vorgeführt und lächerlich gemacht werden. Äquivalent zu diesen TV-Serien sind die wenig originellen Obdachlosenfotos. Oder der Fotograf wagt sich an eine Gay-Parade und nennt seine verschämt voyeurhaften digitalen Schnellschüsse dann ‚Streetfotografie‘.

Das Leben eines Arbeitslosen?
NJET – kaum einer hat den Mut, seine eigene Hartz-IV-Existenz fotografisch zu begleiten, weil man sich seiner Arbeitslosigkeit schämt – es wurde einem nämlich eingeredet, dass man selbst schuld sei

Keiner traut sich mehr zuzugeben, wie schlecht es ihm geht und davon auch noch Fotos zu machen. Warum? Weil er in unserer derzeitigen Gesellschaft nicht auf Mitleid und Verständnis hoffen kann, sondern allenfalls auf ein: ‚Selbst schuld‘; ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ u.ä. Unsinn.

Somit verkommt ein für die Durchleuchtung unserer Realität so perfekt geeignetes Instrument wie die Digitalkamera zu einer von den Medien ferngesteuerten Fiktionsmaschine.

Gibt es einen Mittelweg zwischen harter Reportagefotografie und Flucht in den schönen Schein?
Für kreative Fotografen immer: Der FG-Fotograf Frank Melech z.B. (www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Frank-Melech/ ) weist mit seinen doppelbödigen und humorvollen  Bildern auf einen Seitenweg: Ironische Reflexion und witzig-dramatische Überhöhung der eigenen Entfernung von der Realität. Ein anderer Weg wäre die Wiedererweckung von Dada mit fotografischen Mitteln.

Bild von Frank Melech aus der Serie: Tierisches

© Bild von Frank Melech aus der Serie: 'Tierisches'