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Es wird wohl an die zwanzig Jahre her sein, als ich das erste Mal den Wunsch verspürt hatte, das was ich sehe, als Panorama darzustellen. Damals stand ich am Rande des Dachsteingletschers und war fasziniert von der Bergwelt ringsum, von der völlig vegetationsfreien Landschaft unterhalb der Gletscherzunge und von den bizarren Eisgebilden, in welchen der Gletscher auslief.

Ich hatte zwar eine – analoge – Kamera dabei, aber weder ein Stativ noch die geringste Erfahrung mit Panoramen. Auf Basis von Diapositiven und ohne digitalen Workflow wäre unter diesen Voraussetzungen auch ohnehin kaum etwas Brauchbares entstanden.

Der Wunsch, Panoramen zu fotografieren, ist nach diesem Erlebnis schon recht bald verflogen, und ich habe Reiz an anderen Darstellungsformen gefunden, bis er plötzlich wieder da war, als ich vor vier Jahren an der Caldera von Santorin stand und wieder einen sehr starken Landschaftseindruck erlebte, der sich meines Glaubens nicht im Normalformat vermitteln lassen würde. Damals hatte ich schon eine digitale Kamera und auch ein Stativ: allerdings ein besseres Tischstativ, eines, das gerade noch in den Fotorucksack passte. Mehr war kaum möglich, weil wir sehr viel zu Fuß unterwegs waren und ich in erster Linie Urlaub machen und erst in zweiter Linie fotografieren wollte. Dennoch versuchte ich, auch damals noch ohne praktische Erfahrung und ohne theoretisches Wissen mein Glück. Mir war wohl klar, dass ich alle Teilbilder gleich belichten musste, um nicht sichtbare Helligkeitsunterschiede im Panorama zu bekommen und auch, dass sich die Entfernungseinstellung nicht ändern durfte. Also versuchte ich mit mehreren Messungen einen brauchbaren Mittelwert für Blende und Belichtungszeit zu bekommen und legte nach dem Ermitteln der Blende die Entfernungseinstellung auf die hyperfokale Distanz fest, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass der Abstand von keinem Objekt im Aufnahmebereich die vordere Grenze der Tiefenschärfe unterschreiten würde.

Obwohl sich danach herausstellte, dass ich den Stativkopf gar nicht unabhängig nur horizontal schwenken konnte, gelangen ein paar ganz brauchbare Panoramen aus sechs bis sieben Bildern im Querformat. Ich musste die halb herausgezogene Mittelsäule gegen den Widerstand der Klemmschraube beidhändig mit einiger Kraft verdrehen. Lösen konnte ich die Schraube nicht, denn sonst wäre mir die Mittelsäule samt der Kamera daran nach unten gerutscht. Doch ich war zu wenig sorgsam in der Auswahl der Standpunkte gewesen und die Bilder konnten den originalen Eindruck nicht einmal als Ahnung transportieren.

Santorin 2005 (Ausschnitt)

Santorin 2005 (Ausschnitt)

Damals machte ich wohl die Erfahrung, dass viel Vorstellungskraft dazugehört, um einen Standort danach zu beurteilen, ob er als Motiv für ein Panorama dienen könne. Ein Blick durch den Sucher hilft nicht sehr viel. Ein einziges Teilbild sagt überhaupt nichts über die Wirkung des Gesamten aus. Es kann höchstens als Anhalt dafür dienen, wo etwa die obere und untere Begrenzung des Panoramas liegen könnte. Diese Grenzen muss man sich gut einprägen und sich dann mit dieser Vorstellung langsam um die eigene Achse drehen – wahlweise auch mit der Kamera am Auge. Aber wenn das Gesichtsfeld so hart und definitiv eingeschränkt ist, geht das Gefühl für die Weite verloren, aus der ja ein Panorama seine Wirkung schöpft. Also ist es besser, sich die horizontalen Begrenzungen, die sich beim Blick durch den Sucher erahnen lassen, einzuprägen und in der Vorstellung auf den frei schwenkenden Blick anzuwenden.

In der Folge habe ich es zwar zu einem stabileren Stativ mit einem unabhängig horizontal schwenkbaren Kopf gebracht und damit auch hin und wieder ein Panorama gemacht, aber niemals weder die vollen 360° ausgeschöpft, noch besondere Begeisterung für die Panoramafotografie dabei entwickelt.

Erst heuer im Frühjahr wurde an mich die Frage herangetragen, ob ich auch 360°-Panoramen machen könne und würde. Es ging dabei um Tischlampen, die aus einem Zylinder aus Edelstahl bestehen, der von einem Motor aus einer Disco-Kugel gedreht witd. In der Mitte des Zylinders ist ein breiter Ring ausgeschnitten, der durch einen Einsatz aus transparentem Kunststoffmaterial ersetzt ist. Dieses Material kann mit einem 360°-Panorama bedruckt werden. Der Hersteller versucht, Sujets für die Lampen aus möglichst vielen verschiedenen Quellen zusammenzubekommen, um ein breites Angebot an Varianten zur Verfügung stellen zu können. Fotografien sind nur ein Teil davon. Es gibt auch Sujets, die direkt am Computer generiert werden und Reproduktion von Gemälden und anderen grafischen Arbeiten.

Ich stellte mich der Herausforderung und versuchte zunächst, ob ich es überhaupt technisch hinbekommen würde, die vollen 360° in einer vorgegebenen Länge bei einer vorgegebenen Höhe und einer perfekten Passung an den Kanten umzusetzen. Ich tat das zwar mit Interesse und Neugier, aber immer noch nicht mit Begeisterung, dafür aber mit einiger Skepsis, denn es ging um Ansichten aus Wien – und damit war mit einem Mal nicht mehr die Weite der Landschaft im Panorama unterzubringen, sondern die oft sehr enge Formstruktur großstädtischer Umgebung.

Nicht, dass ich es nicht auch schon vorher (theoretisch) gewusst hätte, aber mit den ersten Versuchen realisierte ich es auch sinnlich, dass ich mit den 360° das menschliche Sichtfeld (das, was wir noch als natürlich empfinden) verlassen hatte. Bei einem horizontalen Bildwinkel von etwa 100° bis 120° entspricht das Bildfeld etwa dem, was wir noch mit schweifendem Auge und gegebenfalls leichtem, unwillkürlichen Drehen des Kopfes wahrnehmen. Bei 360° ist das vorbei und wir neigen zu einer Fehlinterpretation der Darstellung. Was in der Wirklichkeit vor uns gerade von links nach rechts zu verlaufen scheint, sehen wir im 360°-Panorama U-förmig gekrümmt mit der Öffnung auf der uns abgewandten Seite. Daher erscheint uns die Darstellung nicht realistisch. Bedenken wir aber, dass das, was wir als realistisch einstufen, nur die Sichtweise ist, welche die menschliche Anatomie bedingt und dass es viele Tierarten gibt, Vögel vor allem, deren Sichtfeld schon sehr nahe an den 360° liegt, dann müssten wir einräumen, dass wir das Attribut „nicht realistisch“ nur dann rechtfertigen können, wenn wir uns selbst als das Maß aller Dinge sehen. 360°-Panoramen sind unserer Sehgewohnheit fremd, aber keineswegs unnatürlich oder unrealistisch und schon gar keine willkürliche Verfremdung.

Für mich kann ich sagen, dass die Faszination daran von einem Panorama zum anderen gewachsen ist, aber offenbar erst, nachdem ich von außen darauf gestoßen wurde.

Ich möchte hier in lockerer Abfolge über verschiedene Aspekte der Panoramafotografie schreiben, über das Prinzip selbst, über die Ausrüstung, über die Technik des Fotografierens und wie sie sich von der Fotografie von Einzelbildern unterscheidet, über den Prozess des Zusammensetzens, über meine eigenen Erfahrungen (einschließlich meiner Fehler) und über alles, was mir dazu noch einfallen wird.

Wien, Reichsbrücke 2009

Wien, Reichsbrücke 2009

Schon jetzt möchte ich mich herzlich bedanken bei allen, die meine Beiträge lesen, noch herzlicher bei jenen, die sie auch kommentieren und ganz besonders bei Ralf, der mir die Gelegenheit gibt, hier zu schreiben.

Weitere Foto-Serien zum Thema findet ihr hier:

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Werner-Braun/pano/