Meine Lady M9

Meine Lady M9

Street von yvonne steiger, 09/2010 Köln/NippesFür die schwarze M9 und das Summilux 35mm 1.4 asph. Objektiv habe ich einen Kredit aufgenommen. Die Investition ging in Richtung endlich eine ‚Lebenskamera‘ zu haben, eine, die mich Jahrzehnte begleiten und deren Handhabung mir in Fleisch und Blut übergehen wird. Ich wollte raus aus dem beengenden Verhältnissen das Motiv von den Begrenzungen des Objektives definieren zu lassen und hin zur Sucherkamera. Dorthin, wo ein Rahmen mir anzeigt was Sache ist, den ich verstellen kann um unter Umständen einen Wechsel der Linse vorzunehmen und, enorm wichtig für mein Photoauge, der drumherum für das, was auch noch da ist Platz läßt. Ich sehe also, wann etwas in mein Bild reinkommt, wie sich mein Bildauschnitt zur Komposition verhält. Ich habe bei dem finanziellen Aufwand auch an die Schnelligkeit gedacht, mit der andere Cam Hersteller jährlich, halbjährlich ihre bestehenden Modelle überholen und gegebenenfalls die alten Objektive daran nicht mehr zu nutzen sind und wie das, will man ab und an wieder was schickes, modernes, nochbesser als Besseres habe, dann letztendlich auch schon ziemlich sehr ins Geld geht. An der M9 sind mit wenigen Ausnahmen alle alten M Objektive verwendbar. Ich liebe mein absolut kostengünstiges 90mm Elmarit aus dem Jahre 1959, nicht nur weil wir gleichalt sind und Qualität eben Qualität bleibt..;-)

So, und da ist sie nun seit vier Monaten mein. Es geht wunderbar schnell sich mit ihrer Handhabung anzufreunden, ganz instinktiv ist die Bedienung angelegt: Im Sucher leiten mich die beiden roten Pfeile hin zur richtigen Belichtung des angemessenen Objektes, der rot aufleuchtende Punkt in ihrer Mitte sagt mir, wann ich nach ihrer Meinung dort angekommen bin. An einem Rad neben dem Aulöser drehe ich mir die Verschlußzeiten hin und mit einer direkten Auswahl am Kamerarücken bestimme ich den Isowert, das Maximum liegt bei 2500 Iso was ich bei dem lichtstarken 35mm lux in einem Tunnel unter Tage zum Portraitieren eines Kohlehaufens benötigen würde, würde ich es denn wollen. Das alles ist easy und wunderbar logisch drum leicht zu erlernen.

Ich nenne die M9, Meisterin, weil ich in den ersten Wochen mit ihr eine ziemliche Schaffenskrise hatte. Ich war ihrem Können, wenn ich das mal so platt sagen darf, und dem, was sie inhaltlich vorraussetzt, damit man sich ihres Könnens bedienen kann, innerlich nicht gewachsen. Da geht kein schnell mal Ranzoomen und aus der Hüfte oder über Kopf Halten und knipsen. Das Einfachmalsophotographieren und dann schau ma mal später was dabei rumkommt fällt flach, das geht einfach nicht mehr. Noch schlimmer: Ich muss vorher wissen, zumindest darüber nachgedacht haben, ein Bewußtsein entwickelt haben, wann und warum ich überhaupt photographiere. Was ich von einem Bild will und was es erzählen soll um überhaupt erst zu einem Bild zu werden. Wie bin ich sonst im Stande, im Moment selbst genau zu entscheiden auf was ich den Fokus lege, was ich gegebenfalls bei offener Blende in Unschärfe setze, welche Szene, welches Licht braucht und warum das alles und das dann ziemlich zügig, denn ich photographiere Menschen im Alltag, was man gemeinhin unter Streets bezeichnet. Mit der M9 fällt das Jagen weg, die Anspannung ja nicht den richtigen Moment zu verpassen. Ich habe eine völlig andere Haltung zum Augenblick des Bildmachens entwickelt. Es ist der Moment nach der Anspannung im Geschehen, der des Ausatmens, wenn scheinbar die Sensation vorbei ist. Und was für eine wunderbare Entdeckung als ich merkte, dass es hier erst losgeht..

Die M9 hat die unauffällige Eleganz ihrer großen analogen Vorfahren. Es ist leicht in Situationen zu photographieren, wo eine DSLR irritieren könnte. Manchmal sehe ich in den Augen der Leute sowas wie, ‚ach die arme Frau, muss noch mit so’ner altmodischen Kamera knipsen‘, so unauffällig ist sie und schlicht. Ich genieße diese Kamera, nehme sie immer und überall hin mit, und nenne sie voller Liebe&Hochachtung ‚Lady M9‘, weil es da noch eine ‚Dame M6‘ gibt, aber wenn ich jetzt noch von ihr anfinge..

https://www.fotogemeinschaft.de/v/fotografen/Yvonne-Steiger/

2012-05-16T08:20:52+00:00Von |

15 Comments

  1. Ralf Schlieper 23. September 2010 um 12:16 Uhr

    Ich hoffe für dich bzw. deine Haushalts-Kasse, dass sich der Qualitätsaspekt bewahrheitet.

  2. Yvonne Steiger 23. September 2010 um 17:35 Uhr

    merkst Du das nicht an meinen Zeilen darüber..;-)

  3. Ralf Schlieper 23. September 2010 um 18:04 Uhr

    Wenn die Garantiezeit abgelaufen ist, sprechen wir nochmal… (;-)

  4. […] Völlig untechnische Hymne an die M9.. ..hier ist sie zu lesen: Leica M9 Erfahrungsbericht | Fotogemeinschaft.de […]

  5. Werner Braun 24. September 2010 um 12:05 Uhr

    Mir gefällt der Artikel, weil er Anlass gibt, zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch zu Werkzeug, wobei Werkzeug nicht als Abwertung gemeint ist. Wenn die Dinge, mit denen wir täglich aktiv umgehen, so funktionieren wie sie sollen, dann werten sie nicht nur die Qualität des Arbeitens (als Handlung) auf, sondern auch die Lebensqualität des/der Arbeitenden. Je besser sie diesen Anspuch erfüllen, desto weniger werden sie ersetzbar.
    Mit einem Hammer, der richtig gewichtet ist, trifft man den Nagel und nicht den Daumen. Das macht ihn wertvoll.
    Mit einer Kamera, welche die Intentionen des Fotografen bzw. der Fotografin unterstützt, lassen sich Bilder machen aus einem Gefühl der Sicherheit und Freude heraus, anders als mit einem Gerät, dessen Technik zunächst eine Hemmschwelle bildet, die erst überwunden werden muss. Und das macht ihren Wert in einem höheren Maß aus als ein Mehr an Funktionalität, das nur umständlich zugänglich ist.
    Entscheidend scheint mir daher auch nicht zu sein, dass es sich um eine Leica M9 handelt, sondern dass Fotografin und Kamera perfekt zusammenarbeiten (können).

  6. Ralf Schlieper 24. September 2010 um 12:25 Uhr

    Werner – du bringst es wie so oft auf den Punkt!

  7. Yvonne Steiger 24. September 2010 um 12:46 Uhr

    Danke Werner, absolut d’accord mit Dir. Ich ‚verstehe‘ meine Canon 50D bis heute nicht so recht..und es ist tastächlich für mich als begleite mich in der M9 eine absolut verläßliche Freundin, mit der im Team ich photographiere. Es ist wie beim Kochen, da habe ich Messer, mit denen arbeite ich leidenschaftlich gern und ihre Qualität und Schärfe ‚ehrt‘, so sehen es die Japaner, die damit behandelte Speise..wäre natürlich fragenswert, wenn ich mit solch einem Messer dann jemand erstäche und von ihm auch noch ein anerkennendes Kopfnicken meine Werkzeugwahl betreffend erwartete, aber das ist dann wohl doch eine andere Geschichte…

  8. Rudolf A. Wiese 24. September 2010 um 17:30 Uhr

    Die Frage nach dem Werkzeug ist eine alte Frage, die viel zu wenig gestellt wird. Deine Bilder sind anders geworden, ob sie besser sind, weiß ich nicht. Was zählt, in diesem, deinem Fall, ist, dass du ein sicheres Gefühl hast bei der Arbeit und merkst: wir sind eine Einheit, eine kreative Einheit. Wir, die Kamera und ich. Na klar! so manche Digitale verrät dem Nichttechniker nicht immer viel über ihre Funktionsweise. Ich habe am liebsten mit meiner analogen Nikon f 3 fotografiert. Nur weil ich so ungeduldig bin und nicht auf die Papierbildchen warten kann, greife ich zu meiner digitalen Lumix oder Canon. Glücklich machen mich die Ergebnis nur selten. Mir fällt noch etwas ein: Deine Bilder wirken neuerdings so“unplugged“. Vielleicht macht das ihren geheimen Reiz aus.

    ru

  9. Sabine Zgraggen 25. September 2010 um 17:52 Uhr

    Es kommt vor allen Dingen eines zum Ausdruck : Dass du eine Liebhaberin deiner Kamera und feinster Wortkombinationen bist. Der ganze Artikel ist kreativ und anmutig, die Fotos sprühen vor Kraft und eindrücklichem Ausdruck. Eine Liebeserklärung – besser geht es nicht- Wenn ich das lese sehe ich dich leibhaftig vor mir mit deiner M9. Hier zwei habt euch gefunden! Das ist mehr als eine Leidenschaft!

    SZ

  10. T.K. 26. September 2010 um 21:21 Uhr

    Die Digitale Version einer Ikone. Ich hoffe mit Dir, dass es in 20 Jahren noch solche Batterien gibt.
    Ein nicht zu unterschätzendes Problem in der heutigen Zeit!

  11. klaus baum 6. Januar 2011 um 22:33 Uhr

    Ich bin hoffnungslos spiegelreflexfixiert. ansonsten schließe ich mich dem letzten satz von werner an. mit kamera ist es wie mit geliebten: man muss zusammen passen.

  12. Ulrich Joho 15. Februar 2011 um 17:54 Uhr

    Vielleicht spielen hier Gefühle eine nicht zu unterschätzende Rolle – ähnlich wie beim Autokauf, betrifft aber wohl eher Männer, die sich, so bei mir jedenfalls, vor dem Einsteigen an der Form erfreuen möchten. Ich hatte 1970 begonnen zu fotografieren – mit der Spiegelreflexkamera Praktica L, dazu ein externer Belichtungsmesser. Für schnelles Fotografieren reichte eine Fixfocus-Einstellung am Objektiv (wenn ich mich recht erinnere, zwischen 5m und Unendlich). Es gab ausgezeichnete Objektive aus Jena (Pancolare, Sonnare, Tessare). Nachfolgemodelle brachten Erleichterung mit verschiedenen Systemen der TTL-Innenbelichtungsmessung (ich hatte mich für die LTL 2 entschieden – zwei Grünfelder im Sucher sollten gleich stark leuchten, gut bei schwachem Licht).Ende der 80er beruflich Nikon mit Motor, dann Canon EOS 1 mit schnellem Autofocus (dankbar, da inzwischen Brillenträger). Leica-Besitzter schienen für mein Gefühl abgehoben, auch, weil sie stolz ihre Sucherkamaeras vor der Brust baumeln ließen und wegen der gigantischen Preise sowieso. War das im Ergebnis überhaupt messbar, verglichen mit anderen sehr guten Objektiven? Und dann packte mich vor zehn Jahren der zarte Wahnsinn – ich kaufte bei Ebay eine Canon A1-Ausrüstung, war verliebt in die urwüchsige Mechanik – und merkte schnell: alles viel zu umständlich und, bei diesen betagten Gehäusen, zu störanfällig. Neuer Traum, neues Glück: Contax G2 mit Objektiven, in deren Charakter ich die früheren (s.o.) aus Jena wiedererkannte, meine „Leica für fast Arme“. Nach einigen Jahren vergessen – für die digitale Panasonic Lumix DMC L-1 mit lichtstarkem Leica-Zoom. Und heute? Heute packe ich mir die kleine Canon S 90 in die Jackentasche, erfreue mich an der Lichtstärke von 2,0 und dem geringen Bildrauschen bei schwachem Licht , bin zufrieden mit der Bildgröße von 3648 mal 2736 und vor allem auch der Unauffälligkeit. So ist das bei mir mit der Bequemlichkeit. Rationalität hat Gefühle verdrängt – bei der Fototechnik.

  13. Fotogemeinschaft.de (Blog) | Blog | Die Lust am Sein: Fotoausstellung von Yvonne Steiger in Rotenburg/Wümme 3. Mai 2011 um 18:07 Uhr

    […] So entstehen viele meiner Photos. Ich bin versessen auf Theorie, studiere altmeisterliche Bildbände, gemalte, wie photographierte, die Lehre der Fluchtlinien, die Bildaufteilungen, all diese Dinge, Pipapo. Quäle mich, indem ich mich frage, was das ganze Geknipse überhaupt soll, was es dem Betrachter sagen könnte und warum, um alles sofort wieder zu vergessen. Ich suche den Moment, wo ausgeatmet wird, wo eigentlich alles schon vorüber ist (nicht allein deswegen, weil ich mit meinen Leicas, digital wie analog einfach nicht so flink sein kann, wie mit einer Autofokus bestückten Kamera. Siehe meine kleine Hymne auf dem Blog der FG über die Leica Lady M9). […]

  14. Ist die Leica M9(P) anachronistisch? 1. Juli 2012 um 15:02 Uhr

    […] Yvonne Steiger – Meine Lady M9 […]

  15. […] So entstehen viele meiner Photos. Ich bin versessen auf Theorie, studiere altmeisterliche Bildbände, gemalte, wie photographierte, die Lehre der Fluchtlinien, die Bildaufteilungen, all diese Dinge, Pipapo. Quäle mich, indem ich mich frage, was das ganze Geknipse überhaupt soll, was es dem Betrachter sagen könnte und warum, um alles sofort wieder zu vergessen. Ich suche den Moment, wo ausgeatmet wird, wo eigentlich alles schon vorüber ist (nicht allein deswegen, weil ich mit meinen Leicas, digital wie analog einfach nicht so flink sein kann, wie mit einer Autofokus bestückten Kamera. Siehe meine kleine Hymne auf dem Blog der FG über die Leica Lady M9). […]

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