portraits of passion
TOY MAN
Akira Onishi ist Puppenspieler aus Passion. Und weil er dabei keinen großen Unterschied zwischen seiner Spielzeugwelt und der Welt als Spielzeug macht, lebt er seine Leidenschaft hier wie dort nach eigenen Regeln. Das Spiel heißt: You have to keep control.
Im anscheinend nicht so zarten Alter von vier Jahren lernt Akira Barbie kennen. Notgedrungen, weil ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft - I had kind of a sexual contact with her - seine einschlägige Neugier vorsichtshalber auf diesen Inbegriff aller keimfreien Männerträume lenkt: She gave me a barbie instead. Gut drei Jahrzehnte später sind seine Barbies noch immer die einzigen Frauen, die er nicht verlassen hat - oder sie ihn. Denn sie haben einen ganz entscheidenden Vorteil: People change, a toy is forever.
Unter Akiras Händen haben sich allerdings auch die Plastik-Beauties seiner Sammlung ein wenig verändert. Mit acht oder neun Jahren beginnt er, sie vorsichtig der Vorstellungswelt seiner Kindheit anzupassen: Horrorfilme, die er via TV schon als Zweijähriger zu schätzen lernt und mit Papier und Bleistift - my first toy - nachempfindet. Später werden die Eingriffe in die heile Barbie-Welt zu tieferen Einschnitten in das rosa Kunstfleisch. Aber nicht als rüde Zerstörung eines belanglosen Schönheitsideals, sondern als Experiment mit seinen dunklen Seiten: The dark side of human being - thats more excitement. You can use them as an amplifier of human being.
In einer Münchner Exhibition konnte man vor nicht allzu langer Zeit unter dem treffenden Titel Der Naturalist in - eben - naturalistischer Detailtreue bestaunen, was der inzwischen an zahllosen Modellbaukästen gereifte Perfektionist Akira aus den finsteren Abgründen der Barbie-Seele so zu Tage fördert. Neben den säuberlich ausgeformten Besonderheiten weiblicher Anatomie, die ihm einst das Nachbarskind wohlweislich noch vorenthalten hatte, sind dies vornehmlich Behinderungen der künstlichen Art: Perfekt angepaßte Arm- und Beinprothesen, die Barbie wie schimmernde Rüstungen durch Modell-Szenarien zwischen Park und Waschküche trägt. Den gelegentlichen Vorwurf, diese auf (über-)großformatigen Fotos dokumentierten Beispiele für die artifizielle Optimierung des menschlichen Wesens seien frauenfeindlich, erträgt der selbsternannte Feminist Akira Onishi mit Fassung: I make the barbies much more beautiful. Only not so beautiful girls get angry about it.
Vielleicht fehlt den erregten Onishi-Opponnenten auch nur etwas von seinem Spielverständnis. Denn wer sich seine Regeln selbst macht, kann sie auch nach Belieben ändern: If you are sure about your brain, you can be very flexible. And I am very flexible. You have so many choices. Zum Beispiel die, sich vor rund zehn Jahren aus dem erfolgs- und geldgeilen Umfeld seiner Heimatstadt Tokio samt der gelegentlichen Arbeit an Videoclips zu verabschieden: The situation became uncomfortable for me. Er hat zwar nichts gegen Tätigkeiten, die Geld einbringen. Aber first I want to have fun and real excitement. If its with money, its wonderful. Doch das muß nicht sein. Und schon garnicht die im wirklichen Leben bisweilen unvermeidliche Zusammenarbeit mit anderen Menschen.
Getreu dem Motto To work is to play sucht er sich deshalb einen neuen Spielplatz. Und den findet Akira nach längeren Umwegen über London, Paris und Amsterdam schließlich nebst Lebensabschnittspartnerin Kiki in München. I like it, because its comfortable. It’s a playground. Einer, auf dem er unbehelligt spielen kann, ohne sich auf andere allzu sehr einlassen zu müssen: I feel uncomfortable, when they try to fix me. I don’t like it at all, when other people try to get me under control. Dem entzieht er sich elegant als ebenso gewandeter Dandy mit nahezu permanenter Szene-Präsenz, der seinen bewährten Puppenspieler-Trick auch an sich selbst demonstriert. Wer darauf hereinfällt, hat selbst schuld: It’s not so serious, but many people take it for that. They don’t get the joke.
Wahrscheinlich verstehen sie auch den Spaß nicht, den der überlegte Spieler Akira daran hat, gelegentlich ein wenig die Kontrolle über sein öffentlich zur Schau gestelltes überall Da- und Dabeisein zu verlieren: I keep my inner world usefully under control, but my action gets sometimes a little bit out of control. It’s wonderful, it’s a test. Life is a laboratory, it’s a pinball. Daß die Kugel dabei bisweilen recht besoffen rotiert, hält den Reiz am kontrollierten Spiel lebendig.
Doch nicht jeder bringt dafür das rechte Verständnis auf. Akiras Vater, sebst leidenschaftlicher Sammler von Auto- und anderen Miniatur-Modellen, is not interessted in what I do. Denn ein Sammler ist kein Spieler. There is a big difference to a toy, because there is no imagination. Wie verstörend sich dieser vitale Unterschied auswirken kann, muß Akira feststellen, als er seinen Vater nach einem Schlaganfall im Krankenhaus aufsucht. Aus dem Koma erwacht beginnt dieser, beim Anblick des pflichtschuldigen Sohnes wirr zu sprechen. So wartet denn Akira vorsichtshalber die weitere Gesundung seines Erzeugers in seiner Lieblingsbar ab. You have to keep control.
Den Text über Akis Barbie-Bearbeitungen schrieb Matthias Leuthel vor vielen Jahren für den "Wiener" (dort erschien er leider ziemlich unglücklich verändert).