Meine Frau benötigt den Abstellraum, in dem ich bis vor kurzem noch genau 1,8 m2 für das Filmentwickeln Platz hatte, für diverse Wäscheständer. Die Duschkabine, in der ich meine Filme trockne, ist ein vom 3-jährigen Sohnemann gefährdeter Bereich. Wenn Filme trocknen, muss daher die Reinlichkeit der Familie hintenanstehen. Aus Zeitmangel wird die Filmentwicklung zu purer Nachtarbeit.
Versteht sich von selbst, dass bei solchem Zeit- und Platzmangel nur das Hybridverfahren in Frage kommt (also analog fotografiert und digital per Scanner und Photoshop weiterbearbeitet). Analog hochwertig gescannte S/W-Filme und Farbdias verschlingen terabyteweise Festplattenplatz. Ein 500 MB großes MF-Farbdia ist selbst mit einer Workstation nicht gerade flink zu bearbeiten.
Ich warte bereits seit 2 Wochen auf die Negative meines Kodak BW400CN.
Das Korn eines HP-5+ entwickelt in HC-110 ist eine Zumutung.
Die Qualität gescannter Farbdiafilme, die sich für ‘bewegte Kinderfotografie’ eignen (mindest. 400, besser 800 ASA) ist unterirdisch. Bei S/W-Aufnahmen mit 3200 ASA-Film erhält das Korn eines gescannten Negativs einen ungewollt pointillistischen Charakter. Schon wieder mußte ich 2 Liter XTOL-Entwickler wegschütten, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Soll ich weiter fortfahren?
Vor 2 Jahren beging ich den Fehler, meine Canon 5D ‘rechtzeitig’ wegzugeben, um nur ja nicht den Absprungtermin für die neueste digitale Fullframe-SLR zu verpassen, die stabiler, schneller und noch lichtempfindlicher als die Canon 5D ist. Dabei hatte ich eines nicht bedacht: Eine neue Vollformat-Digitalkamera kauft man sich heutzutage nicht mehr aus der Portokasse – schon gar nicht in wirtschaftlich schweren Zeiten. Die neuesten Fullframe Digitalen kosten mit 2-3 qualitativ angemessenen Optiken heutzutage soviel wie gebrauchte Mittelklassewagen; ist man einmal digitales Vollformat gewöhnt, will man außerdem nichts anderes mehr. Die Auswahl schrumpft dann zusammen auf genau 5 neuere hochpreisige Kameras, von denen nur 3 eine bessere Bildqualität als die ‘alte 5D’ haben und mit der Robustheit einer Nikon F4s mithalten können: Canon 1 Ds MK3, Nikon D3 (heute: Nikon D3s), Nikon D3x. Die horrenden Preise dieser Kameras dürften allen geläufig sein.
Ich redete mir damals ein, dass doch die Analogfotografie zahlreiche Vorteile gegenüber der ‘übertechnisierten’ Digitalfotografie habe. Außerdem vermißte ich den spannenden Moment nach einer Filmwässerung: ‘Ist er gelungen…?’.
Kurzentschlossen erwarb ich eine neuwertige Nikon F4s, das perfekte, mit Objektiv fast 2 KG schwere Profi-Schlachtschiff unter den analogen KB-SLRs zu einem Preis, mit dem man genau 5% einer neuen digitalen Leica M9 erhält.
Endlich konnte ich wieder in diversen Film-Entwickler-Kombinationen schwelgen
und nachts anstatt schnöde TV zu schauen, eine Jobo-Dose kippen, neuen Perceptol-Pulverentwickler ansetzen, meinen arbeitslos gewordenen Nikon Supercoolscan 9000 ED anwerfen, destilliertes Wasser für den empfindlichen XTOL-Entwickler kaufen und viele weitere, Lebenszeit vergeudende Tätigkeiten durchführen, die erforderlich sind, um wenigstens ein paar S/W-Filme in angemessener Qualität entwickeln zu können.
2 Jahre später muss ich gestehen, dass der Umstieg von digital auf analog ein Fehler gewesen war. Ich hätte meine Canon 5D nie abgeben dürfen. Obwohl die Nikon F4s ergonomisch der Canon 5D haushoch überlegen ist, hat Film doch so viele praktische und qualitätsmäßige Nachteile gegenüber jeder neueren digitalen Vollformat SLR, dass man auch als eingefleischter S/W-Film- und Graustufen-Fan nicht mehr auf Film zurückgehen sollte, selbst wenn die digitale Kamera ergonomische Schwächen hat.
Digitales Vollformat ist dem Film überlegen:
- qualitativ hochwertiger
- flexibler
- zeitsparender
- schneller
- für schlechte Lichtbedingungen ideal geeignet
Selbst das analoge ‘Look and Feel’ von S/W-Film kann man heute mit modernen Bildbearbeitungstechniken bestens simulieren. Das digitale Raw-Format einer modernen Fullframe-Kamera ist extrem flexibel und bietet sogar die Möglichkeit einer nachträglichen Ausbelichtung auf Film! Mein Tipp also: Finger weg von der Analogfotografie – sparen fürs digitale Vollformat…
Good-Bye Analogfotografie…
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Hallo Ralf,
in größeren Abständen fragt meine Frau, ob denn die Dunkelkammerausrüstung auf dem Spitzboden überhaupt noch einen Sinn habe. Bislang letzter Einsatz: 2004, zur Vorbereitung meiner DDR-Ausstellung in der Berliner Fotogalerie Friedrichshain. Ich kann mich schon garnicht mehr an die Namen der Papierentwickler erinnern (Tetenal …), weiß aber noch, dass ich mit dem Ilfospeed de Luxe ein gut abgestuftes und leicht zu verarbeitendes sw-Papier gefunden hatte (kurze Fixierzeit, Trocknung an den Badfliesen, Nachteil: im Unterschied zu den mir aus der DDR-Vergangenheit vertrauten Baryt-Papieren keine Möglichkeit, mit Anhauchen, Reiben z.B., manueller Beeinflussung nach dem Belichten). Versuche mit zeitgenössischen Baryt-Papieren scheiterten, selbst bei nassem Aufziehen auf einer dicken Glasplatte, am Starrsin des Papiers, eine Trockenpresse mit Temperaturregelung war bei einem Preis von run 500 Euro einfach zu teuer. Filmentwicklung? Früher gerne, dank meinem Favoriten, dem Feinstkornentwickler ( zwei Komponenten, Pulver) A 49 in der Triplex-Dose, Weiterverarbeitung im ausgezeichneten Papierkonstant-Entwickler N 113. Wollte immer sehr fein abgestufte Grauwerte, Grobkörnigkeit ergab sich nur beim Quälen (längere/wärmere Entwicklung, vorsichtige Kontrolle bei dunkelrotem Duka-Licht) des ORWO- NP 27-Films bei Belichtungen von 30 oder 33 DIN. Und nach der Maueröffnung? Kodak T-Max (s. “Endstation. Menschen im Pflegeheim”). Dann, keine Lust mehr auf exakte Temperatur, exakte Zeit, exakten Kipprhythmus, Kodak 400 CN ausgewählt (zu entwickeln wie Farbnegativ im Fotolabor). Und die Fototechnik? 1970 Praktica L mit ausgezeichneten Zeiß-Objektiven aus Jena (Pancolare, Tessare, Sonare) und externem Belichtungsmesser, LTL 2 mit TTL-Innenlichtmesung ( zwei Grünfelder mussten etwa gleich stark glimmen, sehr gut zu erkennen bei schwachem Licht). Dann Canon EOS 1 mit dem extrem lauten Rückspulgeräusch, die leise EOS 5 und nach 30 Jahren Journalismus der persönliche Traum Contax G2, über Ebay ersteigert. Weiche Grauabstufungen, wie ich sie von den besten Zeiß-Objektiven aus Jena kannte (unvergessen etwa das Pancolar 1,8 50 mm oder das Sonnar 2,8 180 mm mit wunderbarer Schärfe auch bei größter Blendenöffnung – s. “Rumänien 1973″). Jetzt verstaubt die Contax, wie auch eine in einem Anfall von Nostalgie (das ist noch Mechanik zum Anfassen) über Ebay ersteigerte Canon A1
-Ausrüstung. Mit der Fujifilm Finepix F31 habe ich eine (nicht mehr hergestellte) kompakte Schnappschusskamera mit ausgezeichnetem Sensor (geringes Bildrauschen) und mit der Panasonic Lumix DCM L1 eine digitale Spiegelreflex-Kamera mit wunderbarem Leica-Zoom (wieder Ebay).
Für meine Fotografie, frei seit fünf Jahren von den Zwängen bildjournalistischer Schnelligkeit, eine sehr befriedigende Ausrüstung.
Ja, Ralf, alles hat auch hier seine Zeit. Schade um meine liebe Contax – die Bequemlichkeit siegt, wenn Fetischismus keine Rolle spielt.